Zum Amoklauf von Winnenden 2

Ob es schon Gesetz geworden ist oder noch diskutiert wird, weiß ich nicht genau. Nach dem Amoklauf von Winnenden sollen die Aufbewahrungsvorschriften durch „Überraschungsbesuche“ von Kontrolleuren bei Waffenbesitzern besser durchgesetzt werden. Viele stellen den Waffenbesitz zuhause grundsätzlich in Frage. Die Restriktionen gegen Waffenbesitzer nehmen zu.
Vordergründig ist dagegen schwer etwas einzuwenden, denn gäbe es keine Waffen zuhause, dann kann der Eigentümer schon nicht vergessen, seine Waffen ordentlich zu verstauen und Jugendliche könnten überhaupt nicht an diese gelangen. Winnenden wäre verhindert worden.

Die Restriktionen für waffenbesitzende Bürger zu verschärfen, ist mir jedoch zu vordergründig und lenkt von den eigentlich zu stellenden Fragen ab.
Ich möchte mit meiner Kritik gleich mit dem heikelsten Thema beginnen:

1. Wie kann es sein, dass man den waffenbesitzenden Bürger Deutschlands immer mehr einschränkt und umgekehrt Deutschland der drittgrößte Waffenproduzent und Exporteur der Welt ist?

Unser Grundgesetz Artikel 26 GG Abs. 2 lautet: zur Kriegsführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der BRD hergestellt und in Verkehr gebracht werden. Es sei denn, die Regierung sieht sich veranlasst, eine entsprechende Erlaubnis vorab zu erteilen. Die Regierung muss belegen, warum eine bestimmte Lieferung politisch gewollt und angeraten ist.
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass es eben viel einfacher ist, die einzelnen Bürger in Schach zu halten, als gegen die Interessen der Waffenindustrie vorzugehen.
Offensichtlich zählen die mit unseren Waffen getöteten Kinder, Frauen und Männer im Ausland viel weniger als die Schüler von Winnenden?
Man verstehe mich bitte nicht falsch, mir tut Winnenden in der Seele weh. Sonst würde ich das hier wohl auch nicht schreiben. Aber es wird doch in Sachen Waffen derart auffällig mit zweierlei Maß gemessen und der Aufwand der politischen Meinungsbildung geht einseitig in eine Richtung. Das ist unerträglich.

2. Ganz ähnlich sieht es doch auch bei etwas völlig anderem aus: dem Straßenverkehr. Wir beklagen in Deutschland derzeit ca. 5000 Tote jedes Jahr im Straßenverkehr. Jedes Jahr wird also ein größeres Dorf ausradiert, ebenfalls mit vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Warum erschreckt das so wenig? Ganz zu schweigen von den vielen Verletzten im Straßenverkehr.
Sicher ist seit den Siebzigern (20.000 Tote/Jahr) hier vieles verbessert worden, trotz (oder wegen 😉 der Zunahme des Verkehrs. Aber es bleibt dabei, ein ganzer Ort wird Jahr für Jahr ausgerottet und es ist sicher eine Kleinstadt aus Angehörigen, die in der Folge ins Leid gestürzt werden.

Autos sind auch Waffen. Wie soll verhindert werden, dass ein Schüler mit dem gestohlenen Auto des Vaters, während der großen Pause, mit Vollgas in den Schulhof rast?
Will der Staat dann irgendwann auch hier durch unangemeldete Kontrollen prüfen, ob der Autoschlüssel, für Jugendliche unzugänglich, im Safe aufbewahrt wird?
Vielleicht erscheint der Vergleich weit hergeholt. Aber die Fakten bleiben: Autos können wie vieles andere auch als Waffen eingesetzt werden. Warum ist das so viel leichter zu tolerieren, als der Besitz von Schusswaffen? Weil die Dinger (Autos) so praktisch sind? Der Sinn einer Waffe so eindeutig?

Es kann keine absolute Sicherheit geben. Und an einigen wenigen Schrauben drehen, um die Sicherheit zu verbessern, mutet zynisch an, wenn kein oder kaum Aufwand bei den großen Themen betrieben wird. Durch dieses Versäumnis sterben jedes Jahr Tausende!

Warum schreien wir eigentlich immer gleich nach neuen schärferen Regeln und Gesetzen? Warum stecken wir nicht Zeit und Geld in die Bewusstseinsbildung:
– dass Waffen, vor allem in diesem Umfang herzustellen, einer der verwerflichsten Aktivitäten ist, da damit Artgenossen aus zweifelhaften Motiven getötet werden
– dass mit jeder Autofahrt man sein und das Leben anderer gefährdet
– dass bei der Integration von Außenseitern (oder auch nur, einzelne Menschen als solche zu erkennen) jeder gefordert ist
– dass den Jugendlichen eingebläut wird, wie scheußlich sich der Tod im Allgemeinen ausnimmt und dass sie sich klar werden sollen, dass Killerspiele oder Rasereien mit dem Auto die Hemmschwelle zu Gewalttaten herabsetzen, auch wenn man das an sich selbst erst im Ernstfall spürt.
– dass das Abstumpfen durch Morde im Fernsehen oder in Killerspielen Distanz zum Vorgang des Erschießens, Distanz zum Sterben eines anderen Menschen schafft und den Schrecken, der damit verbunden ist, nimmt

Man verstehe mich nicht falsch. Ich drücke auch aufs Gas, wenn ich es eilig habe. Oder auf dem Motorrad aus Jux und Tollerei. Aber richtig ist das nicht.
Ich finde es als ersten Schritt wichtig, in die richtige Richtung zu denken und zu handeln und nicht immer nur zu verbieten und einzuschränken. Das ist ein nicht endender Prozess, der nie sein ideales Ziel erreicht. Den mühsamen Weg über einen Bewusstseinsprozess zu gehen, finde ich richtiger als den Bürger immer weiter einzuschränken und durch Vorschriften und deren staatliche Durchsetzung die Verantwortung für sich und seine Mitbürger vom Individuum wegzunehmen.