Haben wir einen „freien Willen“ ?

Tieren spricht man im Allgemeinen einen freien Willen ab. Sie seien von Instinkten getrieben und folgten einfachen Reiz-Reaktions-Mustern. Muss man nun nicht annehmen, beim Menschen sei es genau so? Ergo habe er ebenfalls keinen freien Willen?
Argumentiert wird dabei wie folgt:
Der Mensch sei ja schließlich auch nur ein Tier. Auch er folge Reiz-Reaktions-Mustern, handle überwiegend instinktiv. Diese Muster seien zwar weitaus komplexer, aber im Grunde genauso auf elektrochemische Vorgänge im Gehirn zurückzuführen, wie bei primitiveren Lebensformen.
Andere Argumentationslinien heben auf Aspekte der Prägung durch die soziokulturelle Umwelt oder die Determiniertheit durch unsere Gene ab. Beide Faktoren beeinflussen massiv unsere Entscheidungs- und Denkprozesse. Und selbst wenn man dabei den Faktor „Zufall“ oder „Kontingenz“, also das sich wechselseitig beeinflussende, aber eben doch willkürliche Zusammentreffen von Umständen, hinzunimmt, ergeben sich keine von „Einflüssen freien“ Entscheidungsprozesse oder Willensäußerungen. Alles ist irgendwo determiniert und damit unfrei.

Auch wenn die Komplexität der Einflussfaktoren auf den Willen oder die Entscheidungsfähigkeit des Menschen überwältigend groß ist, so gehen doch all diese technisch-wissenschaftlichen Überlegung davon aus, dass sie prinzipiell erfassbar wären und sich somit ein geäußerter Wunsch, Wille oder Entscheidung voraus „berechnen“ ließe. Und weil er eben von erkennbaren Einflussfaktoren abhänge, sei der Wille eben nicht frei.

Irritierend und ein starkes Argument gegen den freien Willen, war vor ein oder zwei Jahrzehnten ein Ergebnis der neurologischen Forschung. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass im Gehirn, bereits ein paar zehntel Sekunden vor einer Willensbildung, Aktivitäten im Gange sind, die den Ausgang der Entscheidung festlegen. Das Gehirn gibt also zeitlich bereits vor der Entstehung eines Gedanken seine Ausprägungsrichtung vor. Der Mensch kann dann nicht mehr anders, er muss das denken, was sich anbahnt. Und diese „Vorbereitung“ geschieht vollkommen unbewusst und ist auch nicht aktiv beeinflussbar.

Zusammengefasst argumentiert man also: Die Komplexität der Einflussfaktoren auf das entstehen eines freien Willens sie prinzipiell erfassbar und damit der Wille unfrei, weil kausal determiniert …
Die Tatsache, dass die Vielzahl von Einflussfaktoren in Praxis nicht bestimmbar ist, brachte mich jedoch auf folgende Gedanken.

Die entscheidende Frage, ob wir einen freien Willen haben, verlagert sich meiner Ansicht nach, auf das Wort „frei“ oder „Freiheit“. Was bedeutet dieser Begriff? Und wieso gibt es ihn überhaupt, wenn doch alles determiniert ist? Man kann historisch anführen, dass der Begriff zu Zeiten entstand, als man noch nicht solch umfassende Kenntnisse über die deterministischen Prozesse im Gehirn wie heutzutage hatte.
Aber wieso geben wir ihn dann heute nicht auf, diesen Begriff?
Wieso wollen wir uns politisch stark machen und uns für „Freiheit“ einsetzen, wo es die Sache doch anscheinend gar nicht gibt?
Ist es einfach ein intuitiver Trugschluss, dem wir aufsitzen und annehmen, es gäbe sie, diese Freiheit wirklich?

Philosophisch möchte ich antworten, es kommt eben darauf an was wir unter dem Begriff „Freiheit“ verstehen wollen. Oder was im Kern darunter verstanden wurde, als er entstand.

Deterministische Einflussfaktoren setzen dem freien Willen „Grenzen“, könnte man formulieren. Ja sogar noch weitergehend, sie lösen den freien Willen sogar vollständig auf. Denn es gibt auch keinen „Raum“ an Möglichkeiten, in welchem der Wille noch frei wählen könnte.
Ich habe dies formuliert, weil ich auf die beiden Begriffe „Raum“ und „Grenzen“ abheben möchte. In der Systemtheorie definiert man ein „System“ in seiner grundlegendsten Form, als etwas, das „räumlich“ und „zeitlich“ abgegrenzt ist. Jedes System dieser Welt lässt sich abstrahiert auf diese Beschreibung reduzieren. Jedes System bedarf demnach einer Begrenzung, um überhaupt zu existieren und sich von anderen zu unterscheiden.

Unser Geist, unser Körper und unser Wille befinden sich immer in einem irgendwie gearteten System. Und das wird durch seine Grenzen beschrieben. Und was begrenzt ist, ist unfrei. Ist das so? Muss das so sein?
Ich glaube nicht, denn die Frage verlagert sich auf das was wir, als unsere Grenzen akzeptieren können und was nicht. Bspw. wird sich wohl kaum jemand durch seine Haut begrenzt und dadurch in seiner Freiheit eingeschränkt sehen, genau so wenig wie durch seinen Stoffwechsel oder das Atmen. Umgekehrt gibt es sicher Menschen, deren Lebensumstände andere als „unfrei“ ansehen. Sie selbst aber empfinden dies nicht so, weil sie Ihre Grenzen akzeptiert haben.

Ich möchte daher „Freiheit“ auch so definieren:
Ein Mensch ist in dem Maße frei, wie er die ihm gesetzten Grenzen akzeptieren kann.

Und dann wird alles ganz einfach:
Kann ich die Determiniertheit durch soziologische, biologische und neurologische Gegebenheiten akzeptieren, dann besitze ich auch einen in diesen Grenzen „freien Willen“. Andere, die diese Grenzen nicht akzeptieren, werden sagen, mein oder ihr Wille sei nicht frei.
Aber es ist damit klar, um was es geht. Die Grenzen müssen so verschoben werden, dass sie akzeptabel werden. Dann ist der Mensch „frei“. Und damit gibt es auch den „freien Willen“.
Anderen Menschen zur Freiheit zu verhelfen, ist also vor allem ein empathischer Vorgang. Man muss sich in den anderen hineinversetzen, um herauszufinden, welche Grenzen für ihn akzeptabel sind und welche nicht.
Da es kein System ohne Grenzen gibt, gibt es auch keine „grenzenlose Freiheit“. Es gibt sie immer nur im Rahmen ihrer akzeptieren Grenzen. Sie ist, genau, wie auch der Begriff selbst angelegt ist, immer auf das Subjekt bezogen.

Wahrheit und Wirklichkeit

In meiner Vorstellungswelt vermute ich Sprache als eher pragmatisch entstanden. Substantive (=Wort, =Begriff), Verben und Adjektive sind Folge von „Vereinbarungen“. Eine „Menge“ von Sinneseindrücken wird bei einem anderen Menschen als ähnlich vorhanden angenommen und man einigt sich gemeinsam auf einen „Begriff“ dafür.
Sie hatten es auch in Ihrem letzten Podcast angesprochen, dass solche „Mengen“ selbstverständlich nicht als identisch zwischen mehreren Menschen angenommen werden dürfen. Trotzdem macht es Sinn, ist es zweckmäßig, sich auf einen Begriff zu einigen, der „ausgesprochen“ und „angehört“ natürlich ebenfalls wieder ein Sinneseindruck ist.
Ich möchte diesen Zusammenhang zwischen Begriff und Vereinbarung als „atomar“ bezeichnen. Warum? Nun das folgt später.

Das Interessante ist nun, dass diese „atomaren“ Vereinbarungen recht schnell „transzendent“ benutzt werden können, um einerseits Dinge zu beschreiben, die nicht dinglich existieren oder deren Wirkungszusammenhänge angedeutet oder nur vermutet werden. Beides erzeugt ebenfalls eine „Menge“ an Sinneseindrücken, auch wenn dies ggf. nur Gedanken sind.
Problematisch ist, dass über die „Vereinbarungen“, die irgendwann einmal getroffen wurden, nicht Buch geführt wird. So geht das Wissen über diese ganz oder teilweise verloren. Hinzu kommt, dass solche „Vereinbarungen“ oft aus pragmatischen Gründen schnell vermittelt, beigebracht oder gelernt werden müssen und daher unpräzise und unvollständig bleiben.
Ein schönes Beispiel sind die Worte „effizient“ und „effektiv“, die wohl jeder in seinem Leben schon mal „falsch“ gebraucht hat.

Ich glaube die angedeuteten Gründe sind die Ursache für die Schwierigkeit im Verständnis und Gebrauch der Worte „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.
Der Begriff „Wahrheit“ erscheint mir „atomarer“ zu sein als der Begriff „Wirklichkeit“, denn er ist näher an einer einfachen Vereinbarung als der andere. Wenn wir uns bspw. auf die Algebra als Regelwerk einigen, dann ist 1+1=2 eine wahre Aussage. Man kann sogar sagen, es ist eine „absolute“ Wahrheit, solange wir uns im Rahmen unserer Vereinbarungen bewegen.
Ich möchte jedoch hinzufügen, dass die Anwendung eines Adjektivs „subjektiv“ oder „objektiv/absolut“ auf den Begriff Wahrheit vielleicht sogar falsch ist. Ganz ähnlich wie die Anwendung der Adjektive „grün“ oder „heiß“ auf diesen Begriff. Das ist ein Ankleben von Eigenschaften, die der vermuteten ursprünglichen Bedeutung (=Vereinbarung) des Begriffs nicht entspricht, so nie gewollt/vereinbart war.
Aussagen über wahr und falsch lassen sich immer nur im Rahmen des Vereinbarten treffen. Wenn eine Sache, Aussage usw. den Rahmen der überprüfbaren Vereinbarungen verlässt, dann ist der Begriff „Wahrheit“ schlicht und ergreifend falsch angewendet. Kennt man die Vereinbarungen nicht, bzw. hat man keine solchen getroffen, dann lässt sich der Wahrheitsgehalt einer Aussage kaum bestimmen.

Eine „Wirklichkeit“ sehe ich als eine ganze Menge von Aussagen oder Informationen, die man für die eigene Person als „wahr“ betrachtet. Um zu prüfen, ob Sie und ich die gleiche Wirklichkeit erfahren/erleben, müssten wir streng genommen einzeln prüfen, ob Einzelaussagen oder Informationen für Sie und mich wahr sind, wobei „wahr“ wiederum eine Vereinbarung in unserem jeweiligen Kontext (=Umwelt, Menschen) ist.
Eine Wirklichkeit wird immer „subjektiv“ sein, weil sich niemand die Mühe macht, sie auf atomare Vereinbarungen zurückzuführen. Eventuell ist dies auch nicht möglich. Hinzu kommt, dass Wahrheitsvereinbarung und Zusammensetzung der implizierten Aussagen und Informationen nicht nur durch Sie und mich festgelegt werden, sondern durch die Menschen in Ihrer und in meiner „Welt“ (=Kontext). Deshalb ist Wirklichkeit immer vom Kontext abhängig und damit subjektiv. Wir können nur vermuten, dass der Wahrheitsgehalt der Bestandteile sich bei mir und bei Ihnen weitgehend decken und dass wir deshalb eine gemeinsame Wirklichkeit haben.

Ich frage mich allerdings, welchen Zweck der Begriff „Wirklichkeit“ verfolgt. Selten genug wird er gebraucht und in diesen Fällen ist ein Bemühen um „Objektivität“ auch meist nicht nötig. Ihre Aussage (die ich sehr gut formuliert fand), dass das stattgefunden Haben des Holocaust Teil Ihrer Wirklichkeit ist, muss nicht objektiviert werden. Über die meisten Bestandteil dieser Wirklichkeit haben Sie sich mit anderen geeinigt. Es ist daher auch legitim und eine weitere Vereinbarung, dessen Leugnung gesellschaftlich zu sanktionieren.