Ein selbstbestimmtes Leben führen

Zusammenfassung „WDR5: Das philosophische Radio mit Peter Bieri über Selbstbestimmung “

Ein selbstbestimmtes Leben ist fast so etwas wie ein utopisches Ideal. Dabei ist es nicht so, dass es nie erreicht wird, sondern es ist durchaus möglich, es phasenweise zu erreichen und auch im Rückblick es dann so zu sehen. Aber es ist ein fragiler Zustand, der uns jederzeit innerlich oder äußerlich wieder genommen werden kann.

Das Ideal hat zwei Lesarten:
Zum einen ist ein selbstbestimmtes Leben ein Leben ohne äußere Tyrannei, also keine politische Diktatur, kein Gefängnis, keine Versklavung durch den Lebenspartner, durch den Vermieter, keine Erpressung durch den Arbeitgeber oder sonst wen. Ohne Beschränkungen durch Armut oder Krankheit usw.
Die kompliziertere Lesart ist die Frage, wie ich selbst über mein Leben bestimmen kann, wie ich selbst Autor meines Lebens werde.
Der Auftakt zu einem selbstbestimmten Leben und damit erster Schritt ist die Selbsterkenntnis. Man muss wissen, was für ein Leben man führt, also wo ich bereits wie ein Autor mein Leben gestalte und wo das Leben mir nur „zustößt“.

Zur Selbsterkenntnis gehört die Erkenntnis, dass ich geprägt bin durch Eltern, Klassenkameraden, Umgebung, Fernsehen usw. . Dies ist ein Sockel an „Bestimmung“ der unseren Rahmen (Kontext) bildet und zwar nicht nur als Beschränkung, sondern auch als Chance und Orientierung. Denn was sollte ich denken, fühlen, wollen ohne einen solchen Sockel? Woher könnte ich sonst meine Maßstäbe beziehen.

Zur Selbsterkenntnis gehört der Abstand zu sich selbst. Dabei muss ich mir unter anderem folgende Fragen stellen:

Was denke ich eigentlich genau? Also bspw. was denke ich über meine Nachbarn, über den Afghanistankrieg, über die wirtschaftliche Lage, über meine Freunde? Aber auch, was denke ich über meinen Erfolg oder mein Scheitern von vorgestern?
Ja, man verliert dabei die Wohligkeit des Selbstverständnisses. Aber man stellt auch fest, dass man das alles, bei genauer Betrachtung, nicht so genau weiß.

Was will ich eigentlich? Gemeint sind nicht solche Fragen wie, will ich jetzt das oder jenes Essen oder zum Supermarkt einkaufen gehen? Sondern Fragen wie: Will ich ein Leben in der Gesellschaft führen oder lieber eines für mich allein? Will ich jemand sein, dem Erfolg wichtig ist? Oder, welchen Beruf will ich ergreifen und wie will ich eigentlich mein Leben verbringen?

Was fühle ich eigentlich? Dabei geht es um Gefühle wie Neid im Gegensatz zu Missgunst oder Trauer oder Zuneigung. Dabei ist es oft so, dass wir unsere Gefühle missverstehen. Wir können eine Trauer für eine Angst halten, wir können eine Aggression für eine Trauer halten. Es ist sozusagen die Frage nach der seelischen Identität.

Zweck der Übung ist es festzustellen, wer bin ich eigentlich und erst dann, wer möchte ich sein.
Der Weg von der Selbsterkenntnis zum Umbau der Persönlichkeit kann nicht einfach beschlossen werden. Sondern es ist ein langwieriger Prozess mit vielen Neben- und Irrwegen. Dies wird aber zu einem blinden Kampf, wenn ich nicht gut verstehe, was ich denke, wünsche und fühle. Woher kommen die Emotionen, die ich bekämpfe und woher kommt der Wunsch, dies zu tun?
Dieses Prinzip kann man sich gut verdeutlichen, wenn es darum geht, z.B. einen Hass zu bekämpfen. Dabei wird klar, dass alle oben genannten Fragen gestellt und beantwortet werden sollten, so weit es geht.
Freuds Grundidee ist dann: Durch zum Teil langwierige Transparent-Machung kann man die Quellen eines Affekts ergründen und ihn dann auch verändern, zumindest teilweise oder ihn in die eigene Persönlichkeit integrieren.

Der innere Gegner in solchen Prozessen ist ein Wunsch oder ein Gedanke, der nicht verträglich ist mit dem gewünschten Selbstbild. Der innere Gegner ist nie objektiv, sondern existiert immer nur im Bezug auf das Selbstbild. Darin liegt aber auch gerade die Chance. Denn durch Veränderung des Selbstbildes kann man den inneren Gegner ins Selbstbild integrieren oder ihn unwichtig werden lassen.

Beim Prozess der Selbsterkenntnis spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Um Transparenz oder Klarheit bzgl. der oben genannten Fragen herbeizuführen, muss man reden. Reden mit sich selbst, mit jemandem anderen oder in Schriftform.
Ein differenzierter, reicher Wortschatz hilft dabei ungemein.
Es gibt aber auch die Gegenseite. Gerade das Reden mit anderen – das oft auch nicht ganz aufrichtig ist, weil man sich anders darstellen will, als man ist – kann auch zur Selbsttäuschung und Fremdtäuschung führen (falsches, unvollständiges Feedback).

Fast alles, was wir denken, wünschen und fühlen geht darauf zurück, dass wir „unter dem Blick anderer Menschen“ leben. Dieser Blick kann beides sein, größter Schmerz, Angst oder Erfolg und Freude u.v.a.m. Entziehen kann ich mich diesem Blick nicht, denn ich nehme die Erinnerung daran überall mit. So dass die Frage lauten muss, wie erreiche ich Selbstbestimmung unter dem Blick der Anderen?
Das ist vielleicht die tiefste Frage des menschlichen Zusammenlebens oder auch der Politik. Es gibt darauf keine einheitliche, formalistische Antwort.
Wir müssen uns klar werden, welchen Blick, welche Person wir wichtig nehmen wollen? Die anderen Blicke können wir ignorieren. Das macht gerade die Selbstbestimmung aus.
Ein anderer Blick straft mich, kränkt mich, verletzt mich nur, wenn ich dem anderen eine Autorität in meinem Inneren zuspreche. (Ich will seine Anerkennung, ich will seine Richterposition, o.ä.). Wenn es gelingt, diese Autoritätszuschreibung, die oft unbewusst ist, irgendwie zurückzunehmen, spielt es keine Rolle mehr, was der oder die über mich denkt.
Welche Leute sind mir eigentlich wichtig? Man stellt fest, es sind wesentlich weniger als die Angst fingiert.

Exkurs über unterschiedliche Ebenen von Begrifflichkeiten, deren Vermischung nur verwirrt:
Wenn wir von Entscheiden, Fühlen, Wünschen und auch von Freiheit reden, dann ist das etwas, das auf der Ebene der Psychologie besprochen werden kann. Nicht aber auf der Ebene des Gehirns oder der Neurobiologie. Dort finden nur Neuronen- oder Elektrogewitter und Stoffwechsel statt.
Z.B. ist der Begriff der Freiheit gemacht für Beschreibungen auf dem Gebiet der Psychologie oder Soziologie. Außerhalb ergibt der Begriff keinen Sinn (z.B. auf neuronaler Ebene). Insofern ist es eine Vermischung verschiedener Ebenen, wenn man sagt, der Mensch sei prinzipiell nicht frei oder selbstbestimmt, weil er ja immer kausalen Zusammenhängen im Gehirn unterworfen sei. Kategorien wie frei oder unfrei existieren neurologisch gesehen nicht. Es sind keine Fragestellungen, mit welchen sich die Neurobiologie auseinandersetzt. Sie kann sie in ihrer Sprache nicht einmal beschreiben.
Formulierungen wie „wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun“ oder „die Freiheit ist eine Illusion“ sind plakativ und provozierend zu verstehen. Eigentlich sind sie falsch, da sie Begrifflichkeiten zueinander führen, die nicht zusammengehören. Sie empören, weil sie das Glück und die Würde gefährden würden, wenn sie richtig wären.

Unendlich

Eigentlich ist es merkwürdig, dass im sogenannten Wissenszeitalter das Wort „Unendlichkeit“ niemanden mehr so richtig hinter dem Ofen vorlockt, geschweige denn erschüttert. Beginnt man hingegen nur ein klein wenig nach dem Begriff zu recherchieren, so wird schnell klar, dass die Gleichgültigkeit diesem Begriff gegenüber alles andere als gerechtfertigt ist.

Da ist im Zusammenhang mit diesem Begriff von Paradoxien und Gottesbeweisen die Rede oder gar von grundsätzlichen Aspekten des Menschseins in Abgrenzung zum Tierreich (ich bewerte das jetzt nicht ;-). Einige Menschen soll der Begriff schier in den Wahnsinn getrieben haben. Andere behaupten, das gibt es eigentlich gar nicht, die Unendlichkeit. Oder wieder andere reden geschwollen daher, dass man das „aktual“ Unendliche vom „potentiell“ Unendlichen trennen müsse und dass dies auch philosophiehistorisch anders akzentuiert worden sei.

Um es kurz zu machen, in der Menschheitsgeschichte, hat der Begriff schon so einige Gemüter bewegt und ich bilde mir jetzt auch noch ein, hierzu etwas Wesentliches sagen zu können. Eigentlich ein lächerliches Unterfangen, oder?

Was mir an dem Begriff so gut gefällt ist, dass er quasi als Synonym für all die merkwürdigen Worte und Aussagen stehen könnte, von denen man irgendwie nie klar genug formulieren kann, was sie bedeuten. Oder es gehen die Meinungen darüber auseinander, was sie alles gleichzeitig nicht sind. Als schöne Beispiele führe ich die Begriff „Egoismus“, „Sinn des Lebens“ oder „Freiheit“ hier an.

Entstehung des Begriffs

Wie kommt es also dazu, dass der Mensch sich etwas ausdenken kann, das er bei genauer Betrachtung wieder in Frage stellen muss, bzw. wo er ins Schwimmen gerät, wenn er präzise werden will?
Abstrakt formuliert sehe ich die Ursache, sich solche Worte auszudenken, in der Fähigkeit des Menschen zum „Transfer“ und zur „Transzendenz“. Oder vielleicht noch ursächlicher in seinem „Bewusstsein“.
Dies möchte ich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Der Mensch macht beim Gehen einen Schritt vorwärts und er ist sich dessen bewusst. Er kann sich dann ausmalen, dass wenn er weitere Schritte tut, er zu irgendeinem Ort kommt, den er vielleicht schon kennt, oder den man ihm angekündigt hat. Er ist also in der Lage, über das Hier und Jetzt hinauszugehen (Transzendenz, man verzeihe mir den stark vereinfachten Gebrauch dieses Wortes in diesem Zusammenhang) und sich vorzustellen, wohin sein Schreiten führt. Das geht sogar noch weiter, denn er kann sich auch vorstellen, immer weiter zu gehen und dann sogar ganz ferne Orte zu erreichen. Die Fähigkeit zur Transzendenz ist sogar so ausdifferenziert, dass er sich vorstellen kann, ein Meer würde sein Gehen behindern und ihn das dahinter Liegende auf diese Weise nicht erreichen lassen.
Trivial? Stimmt.
Aber genau in diesen primitiven Ansätzen liegt für mich der Schlüssel dazu, sich etwas wie Unendlichkeit vorstellen zu können. Und sich Begriffe für die „Extrapolation“ des Hier und Jetzt ausdenken zu wollen.
Mit „Transfer“ meine ich dann, ebenso tivial ;-), die Fähigkeit z.B. das „Fortschreiten“ auf andere Dinge zu übertragen. Wenn ich ein Reiskorn habe, und lege eins dazu, so habe ich mehr. Lege ich wieder eins dazu, so habe ich noch mehr, und so weiter und so fort. Das hört in Gedanken fortgesponnen nie auf. Und dass es nie aufhört, das nennt man dann z.B. Unendlichkeit. Für einen Menschen ist es also recht einfach, etwas vom Gegenwärtigen herauszugreifen und es weiterzuentwickeln und zwar bis ins Unendliche, Unmögliche oder Virtuelle.

Übrigens auf gleiche Weise hat sich der Mensch auch Gott erschaffen. Oder ich möchte lieber sagen eine Vorstellung davon. Genzenlose Güte, unendliche Macht, nicht enden wollende Liebe, alles Eigenschaften, die der Mensch diesem Gott als „Extrapolation“ seiner Erkenntnisse zuschreibt. Ich möchte an dieser Stelle nicht allzu weit ausschweifen, denn „Gott“ ist hier nicht das Thema.
Aber eines möchte ich dann doch anfügen, weil es mich fasziniert: Gerade der Begriff „Gott“ macht deutlich, wie mächtig und bedeutend das werden kann, was der Mensch sich nur vorgestellt hat. Nein, ich habe damit nicht gesagt, Gott gäbe es nicht und er sei bloß eine Vorstellung. Auch diesen Gedankengang würge ich ab, weil ich beim Thema bleiben will.

Zenos Paradoxie

Falls Sie gerade nicht präsent haben, worin diese besteht. Es ging dabei um die Frage, ob der schnellste Läufer Griechenlands (Achill) jemals eine Schildkröte (Name unbekannt, nennen wir sie deshalb Kassiopeia), der er einen Vorsprung gegeben hat, jemals einholen kann? Klar kann er das, ist doch logisch, werden Sie sagen. Nun ja, schauen Sie erst einmal genauer hin.
Wenn Achill losläuft und eine Zeit gerannt ist, ist er Kassiopeia zwar näher gekommen, aber Kassiopeia hat sich auch ein zwar kleines aber immerhin doch messbares Stück vorwärts bewegt. Wieder eine Weile später, ist Achill noch näher an Kassiopeia herangekommen, sie aber ebenfalls ein Stückchen weitergekrochen. Sie ahnen, worauf das hinausläuft? Mit dieser Überlegung wird Achill Kassiopeia nie einholen, geschweige denn überholen. Was aber selbstverständlich unserer Erfahrung widerspricht. Darin liegt die Paradoxie.
Die Mathematiker haben sich rasch des Problems entledigt. Man kann zeigen, dass Achill Kassiopeia im Grenzwert erreicht und dann überholt. Allerdings haben sie dafür eine Konstruktion erfinden müssen, mit der sie das beschreiben, diese „Limes“-Geschichte, Sie erinnern sich? Ohne jetzt allzu sehr in die Mathematik einzusteigen, es läuft letztlich auf so etwas hinaus wie, der Grenzwert ist null für die Reihe 1/kn ist für n gegen unendlich und k größer eins. So eine Reihe wäre zum Beispiel 1/21, 1/22, 1/23, 1/24 … Man sieht, dass die Zahl unter dem Bruchstrich ins Unendliche wächst und der Bruch damit gegen null geht.
Beim Beweis dieser Behauptung gehen die Mathematiker übrigens ziemlich anschaulich vor, sie schließen von „Einsichtigem“ („Monotonie der Folge“) auf die Richtigkeit der Behauptung.

Interessant finde ich daran folgende drei Aspekte:
1. Die Mathematiker gehen davon aus, dass der Abstand zwischen Achill und Kassiopeia beliebig oder unendlich klein werden kann.
2. Sie gehen eigentlich bei der Beweisführung genau so vor, wie ich es oben trivial beschrieben habe. Nämlich der „Extrapolation“ dessen, was sie bewusst wahrnehmen.
3. Im Grunde drücken sie sich um die Frage herum, ob es etwas „unendlich Kleines“ überhaupt geben kann. Brauchen Sie ja auch nicht, denn Ihre Formeln führen ja zum richtigen Ergebnis, Achill überholt irgendwann die Schildkröte Kassiopeia.

Und was ist mit uns? Also ich fühle mich nach wie vor allein gelassen und kann mir das unendlich Kleine und vor allem die Folge draus nicht recht vorstellen. Das Paradox ist gefühlmäßig nicht gelöst.

Ein italienischer Philosoph packt das Problem von ganz anderer Seite an. Er sagt, ihr müsst darauf achten, was ihr betrachtet.
Fall 1. Wenn Ihr gleiche Zeitabstände betrachtet und nachseht, wo sich gerade Achill befindet und wo Kassiopeia, dann werdet ihr feststellen, dass Achill zu einem dieser Zeitpunkte Kassiopeia überholt hat.
Fall 2. Macht ihr aber die Zeitabstände immer kleiner, um zu sehen, wie genau Achill die Schildkröte überholt, dann lauft ihr dem Paradox in die Arme.

Ok, schön, was ist aber, wenn ich es nun mal so wie in Fall 2 betrachten will? Wieso soll ich ein Problem lösen, in dem ich es anders anpacke? Es muss doch auch für diesen Fall eine Antwort geben.

Uff, jetzt komme ich endlich langsam zu dem, was ich mit diesem Artikel eigentlich anregen möchte. Die Physiker rätseln nämlich schon geraume Zeit, ob die Zeit kontinuierlich vergeht oder ob es kleinste Zeitsprünge gibt? Ich will es kurz machen, anschaulich wäre es schon, wenn man sagt, der Abstand zwischen Achill und Kassiopeia kann unendlich klein werden, die Zeit aber nicht. Irgendwann macht es also Schnipp und Achill hat den zwar immer noch weiter verkleinerbaren Abstand überwunden. Und dann überholt er die Schildkröte.
Blödsinn? Na ich weiss nicht. Vielleicht liegt da ja auch irgendwo die Begründung dafür, dass nichts schneller als das Licht sein kann. Oder umgekehrt die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ist der Grund dafür, dass Achill Kassiopeia überholt.

Vielleicht ist es einfach so, dass es Dinge gibt, die unendlich groß aber eben nicht unendlich klein werden können und umgekehrt?

Gibt es überhaupt Endliches?

Die heisenbergsche Unschärferelation besagt, dass man bestimmte Paare von Größen (z.B. Ort und Impuls) nicht gleichzeitig beliebig genau messen kann. Das hat aber einige ziemlich herbe Konsequenzen.
Unser Körper besteht aus Atomen und die wiederum aus Elektronen, Protonen und Neutronen (weiter in die Tiefe dringe ich hier nicht). Wo hört unser Körper also genau auf? Ist er wirklich endlich begrenzt?
Wenn ja, dann müsste es sozusagen ein äußerstes Atom geben, das uns begrenzt. Gehen wir also davon aus, dass wir uns nicht bewegen. Das äußerste Atom bewegt sich dann auch nicht (Vereinfachung). Sein Impuls wäre damit exakt null. Nach Heisenberg wissen wir dann aber nicht genau, wo das äußerste Atom ist. Es gibt eine, wenn auch winzig kleine Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich am anderen Ende des Universums befindet. Sind wir also begrenzt? Sind wir wirklich endlich?
Das Beispiel kann man natürlich auf alles Materielle anwenden. Übrigens auf die Zeit auch (Energie-Zeit-Unschärfe).
Muss man also nicht genauso fragen, gibt es überhaupt etwas wirklich Endliches?

Um wieder bodenständig zu werden, schlage ich einen Kompromiss vor. Beide Begriffe „Endlichkeit“ und „Unendlichkeit“ sind nur „Extrapolationen“ von unseren bewußten Erfahrungen. Ob sie tatsächlich real existieren, lässt sich nicht wirklich beweisen. Es scheint aber so zu sein, dass weder der eine noch der andere „Zustand“ eingenommen werden kann. Man kann sich also weder 100% im Endlichen befinden, noch 100% im Unendlichen. Also nehmen wir doch von allem ein bisschen. Wir und alles Andere auch sind gleichzeitig ein wenig endlich und ein wenig unendlich…

Über das Phänomen der Angst

SWR2 Wissen: Aula
Der Sprung ins Leere
Über das Phänomen der Angst
Von Wolfgang Schmidbauer

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=5775786/1wbi7nn/index.html

Herr Schmidbauer stellt zunächst den Ursprung und die Funktion von Angst im Lauf der gesellschaftlichen Entwicklung dar. Er zeigt dann auf, wie die Ängste in der heutigen Zeit entstehen und inwiefern sie sich von der historischen Entwicklung entscheiden.

Interessant fand ich in der Historie, dass es Sklaverei und Prügel bei Jägern und Sammlern zunächst nicht gab. Erst seit es Stammesgrenzen gibt, wird Angst dazu verwendet, die Integrität des Stammes zu wahren. Dies hat sich dann in den Zeiten der Zünfte noch weiterentwickelt, in welchen sich die Heranwachsenden nicht getraut haben einen Beruf außerhalb der eigenen Zunft zu ergreifen oder außerhalb der familiären Vorgabe ein Leben zu führen.
Und wieder weiterentwickelt entstand daraus die heute häufigste Form der Angst, die Angst zu versagen. Im Beispiel der Prüfungsangst wird das deutlich, weil es die Angst ist, in der individualisierten Leistungsgesellschaft nicht den richtigen, stabilen eigenen Platz zu erreichen. Eine andere Quelle von Angst ist die gestiegene Komplexität der Welt. Je mehr Möglichkeiten ich habe, je mehr Dinge ich besitze, desto größer ist auch die Gefahr, dass ich Fehler mache, dass ich etwas verliere. Als Beispiel führt Schmidbauer hier an, dass es immer schwieriger (und unsicherer) wird eine Zukunft zu planen, wie z.B. einen Hausbesitz an der Grenze des Finanzierbaren anzustreben oder auch, dass eine akademische Ausbildung keinen Garant mehr für einen guten Beruf ist.

Als wesentliche Maxime der Angstbekämpfung schlägt Schmidbauer den nicht leichten Weg vor, rational genau zu prüfen, inwieweit die Angst uns wirklich vor einer Gefahr warnt.

Über die Vielgestaltigkeit der Liebe

SWR2 Wissen: Aula
Mehr als Neuronengewitter
Liebe, ein unordentliches Gefühl
Von Wilhelm Schmid
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=6064888/1dxbpu1/index.html

Der Beitrag fast in sehr umfassender Weise die zahllosen Aspekte der Liebe zwischen Mann und Frau zusammen. Wilhelm Schmid hat einen sehr eigenen Erzählstiel. Er konstatiert mehr oder weniger ausschließlich. Dadurch lässt er alles offen, zumindest scheinbar. Man muss jedoch sehr genau zuhören, um die Perlen seines Beitrags zu entdecken.

Da die Aspekte so zahlreich sind, kann ich hier keine sinnvolle Zusammenfassung geben. Wichtig war mir jedoch seine Darstellung, dass gerade schwierige Zeiten in der Liebe eben auch dazugehören, ja geradezu Kennzeichen einer Liebe sind, wenn man diese bis zum Ende durchlebt und die Erfahrung, sich dann wieder einstellender besserer Zeiten, gemeinsam erlebt.

Gewinn für alle

Und wieder ein phantastischer Beitrag der Sendung Aula des SWR2. Naja, alles gutiere ich nicht. Z.B. das mit der dritten Welt ist zu verkürzt dargestellt oder auch dem Kapitalismus so das Wort zureden ist etwas unreflektiert. Anderes ist jedoch sehr gut auf den Punkt gebracht und ausformuliert.

Endlich: ein alternativer Elite-Begriff

Die Sendereihe Aula des Südwest-Rundfunks SWR2 brachte vor kurzem einen Beitrag, der endlich gelungen mit dem weit verbreiteten Falschverständnis, was eine Elite ist, aufräumt. Der Beitrag zeigt auch auf, was die Grundvoraussetzungen für Elitenbildung sind. Nicht zuletzt malt er einen Hoffnungsschimmer für unser aller Zukunft und relativiert schwache Schul-, Studien- und Ausbildungsleistungen.

SWR2 AULA vom 14.02.2010
Unkonventionell oder mainstreamig
Was ist die wahre Elite?
Von Konstantin Sakkas
http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/-/id=660374/nid=660374/did=5815836/qs3dmo/index.html

Konstantin Sakkas zeigt zunächst auf, warum heutige Eliten tendenziell abgelehnt werden. Der Widerwille entsteht, weil man zur Elite nicht primär durch Leistung und Einsatz gehört, sondern durch Geburt oder einem entsprechend fördernden Kontext.

Sakkas hat eine Gruppe von Menschen ausgemacht, die für ihn die zukünftige wahre Elite sein wird. Er nennt sie die Freelancer. Also all diejenigen, die sich durch „Auslese“ kennzeichnen, aber nicht unmoralisch, die privilegiert sind, aber durch eigene Anstrengung, eigenen Verdienst. Es sind dies die „Lebensunternehmer“ per se, wie sie Götz Werner (dm-Chef) bezeichnet.

Ein weiteres Kennzeichen dieser neuen Elite sind nicht geradlinige Lebensläufe. Sakkas hat über Hannah Arendt promoviert, deshalb greift er einen Ihre zentralen Gedanken auf. Das Geheimnis des Menschen liegt in seiner Spontaneität. Bedauerlicherweise ist das heutige Bildungssystem, insbesondere durch Bologna, hierzu kontraproduktiv. Leistungskataloge und Punkte-Schemata ersticken Spontaneität, sie wirken einer wirklich selbständig denkenden und handelnden Elite entgegen.

Sakkas sieht in dieser erstickten Spontaneität geradezu eine der Ursachen für die aktuelle Wirtschaftskrise. Unreflektierter Karriereformalismus brachte Personen in Entscheiderpositionen, die die neuen Abhängigkeiten nicht erkannten und schon gar nicht auf sie zu reagieren wissen.

Ein Zitat von Paul Nolte bringt es auf den Punkt: „Wir dürfen nicht mehr nur fragen, was wir ökonomisch investieren können, sondern wie wir unser eigenes Leben verantwortungsvoll gestalten. Verantwortung ist zuerst Selbstverantwortung. Ein sinnvolles Leben ist eines, das ich frei und unabhängig gestalte, aber in Mitverantwortung für andere.“

Durch die nicht-geradlinigen Lebensläufe hat die neue Elite bereits früh gelernt, mit Unsicherheiten zurechtzukommen. Sie ist deshalb prädestiniert für eine immer unbestimmbare Zukunft.

Zum Schluss eine starke Formulierung von Sakkas:
„Selbsterfahrung, Selbstverwirklichung: Mit diesen Vokabeln mag zwar mancher Personalchef noch voller Schrecken die ewige juvenile Abschweifung, die irrlichternde, antizivilisatorische Rebellion der ach so verketzerten Achtundsechziger assoziieren; in Wahrheit aber sind dies die Schlüsselbegriffe der künftigen Elite. Wer sich selbst erfährt, ist nicht etwa untauglich für praktische Arbeit; im Gegenteil, er erwirbt sich damit allererst das Tauglichkeitszeugnis für den Eintritt in die Welt der Erwachsenen und der sogenannten Leistungsträger.“

Wieder mehr Wohlstand für alle

Warum schlägt es niemand in der Öffentlichkeit vor? Ist es zu idealistisch gedacht? Idealistischer als die These von einer sozialen Marktwirtschaft?

Es gibt und wird nie wieder genügend bezahlte Arbeit geben, so dass alle von Ihrem Verdienst leben können. Wir verdanken dies dem technischen Fortschritt, der Automatisierung, die viele Arbeiten übernimmt. Und der Mobilität, die uns Güter aus dem fernen, billigeren Ausland erwerben lässt.

Es ist bedauerlich, dass wir die gewonnene Freiheit durch die Automatisierung, gesellschaftlich nicht nutzbar machen konnten. Dies weil der Fokus nicht auf das Wohl der Allgemeinheit ausgerichtet ist sondern in jeder Klasse auf die Mehrung des Wohls des Individuums. Bei Arbeitgebern UND bei Arbeitnehmern.

Das vom Einkommen der Arbeitenden durch Steuern und Abgaben abgezweigte Geld wird derzeit in großen Teilen dazu verwendet, den nicht in bezahlten Arbeitsverhältnissen Stehenden eine Existenzgrundlage und oftmals mehr zu bieten. Diese Methode, dem Problem beizukommen, wird immer komplizierter und dadurch aufgeblähter, so dass das Verhältnis von Geben zu Nehmen sogar beschleunigt unerträglicher für beide Seiten wird.

Wieso also nicht, anstelle Geld umzuverteilen, die bezahlte Arbeit umverteilen?
Beispielsweise könnte man stufenweise oder mit entsprechenden Ankündigungszeiten per Gesetz festlegen, es darf nur noch 6 Stunden pro Tag gearbeitet werden. Natürlich ohne Lohnausgleich und natürlich müssten dann die Steuern und Abgaben im entsprechendem Maß gesenkt werden, wie die Beschäftigung zunimmt.

Klar ist, es müssten sich hier alle umstellen. Die Arbeitgeber müssten die Arbeit besser strukturieren, so dass sie auf mehrere Personen verteilt werden kann. Aber würden sie nicht davon profitieren, dass nur 6-stündig Beschäftigte auf Dauer effizienter wären als 8- und mehrstündig Beschäftigte?
In der Übergangszeit hätten viele Arbeitnehmer weniger Geld zur Verfügung, bis die geringere Abgabenlast sich bemerkbar macht.

Der heutige Weg der Umverteilung von Geld führt zu Verwerfungen:
– Um netto mehr zu haben muss brutto so viel verdient werden, dass die Firmen nicht mehr konkurrenzfähig sind. Es kommt zu Entlassungen und damit zu sprunghaften Änderungen des Wohlstandes.
– Der Versuch gerecht zu Helfen bläht die Verwaltungsapparate und Gesetzesmaschinerie so auf, dass diese einen enormen Teil der Gelder schlucken. Der Wohlstand hat dadurch nicht zugenommen.
– Die Umverteilung wird leider auf beiden Seiten (Arbeitgeber und ehemalige Arbeitnehmer) falsch ausgenutzt und führt zu Missbrauch.

Mit zeitlich weniger Arbeit könnte die Gesellschaft endlich beginnen zu lernen (zumindest ein wenig), was sie sich immer von einer Automatisierung erhofft hatte.

Zum Amoklauf von Winnenden 2

Ob es schon Gesetz geworden ist oder noch diskutiert wird, weiß ich nicht genau. Nach dem Amoklauf von Winnenden sollen die Aufbewahrungsvorschriften durch „Überraschungsbesuche“ von Kontrolleuren bei Waffenbesitzern besser durchgesetzt werden. Viele stellen den Waffenbesitz zuhause grundsätzlich in Frage. Die Restriktionen gegen Waffenbesitzer nehmen zu.
Vordergründig ist dagegen schwer etwas einzuwenden, denn gäbe es keine Waffen zuhause, dann kann der Eigentümer schon nicht vergessen, seine Waffen ordentlich zu verstauen und Jugendliche könnten überhaupt nicht an diese gelangen. Winnenden wäre verhindert worden.

Die Restriktionen für waffenbesitzende Bürger zu verschärfen, ist mir jedoch zu vordergründig und lenkt von den eigentlich zu stellenden Fragen ab.
Ich möchte mit meiner Kritik gleich mit dem heikelsten Thema beginnen:

1. Wie kann es sein, dass man den waffenbesitzenden Bürger Deutschlands immer mehr einschränkt und umgekehrt Deutschland der drittgrößte Waffenproduzent und Exporteur der Welt ist?

Unser Grundgesetz Artikel 26 GG Abs. 2 lautet: zur Kriegsführung bestimmte Waffen dürfen nur mit Genehmigung der BRD hergestellt und in Verkehr gebracht werden. Es sei denn, die Regierung sieht sich veranlasst, eine entsprechende Erlaubnis vorab zu erteilen. Die Regierung muss belegen, warum eine bestimmte Lieferung politisch gewollt und angeraten ist.
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus.

Da drängt sich doch der Verdacht auf, dass es eben viel einfacher ist, die einzelnen Bürger in Schach zu halten, als gegen die Interessen der Waffenindustrie vorzugehen.
Offensichtlich zählen die mit unseren Waffen getöteten Kinder, Frauen und Männer im Ausland viel weniger als die Schüler von Winnenden?
Man verstehe mich bitte nicht falsch, mir tut Winnenden in der Seele weh. Sonst würde ich das hier wohl auch nicht schreiben. Aber es wird doch in Sachen Waffen derart auffällig mit zweierlei Maß gemessen und der Aufwand der politischen Meinungsbildung geht einseitig in eine Richtung. Das ist unerträglich.

2. Ganz ähnlich sieht es doch auch bei etwas völlig anderem aus: dem Straßenverkehr. Wir beklagen in Deutschland derzeit ca. 5000 Tote jedes Jahr im Straßenverkehr. Jedes Jahr wird also ein größeres Dorf ausradiert, ebenfalls mit vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Warum erschreckt das so wenig? Ganz zu schweigen von den vielen Verletzten im Straßenverkehr.
Sicher ist seit den Siebzigern (20.000 Tote/Jahr) hier vieles verbessert worden, trotz (oder wegen 😉 der Zunahme des Verkehrs. Aber es bleibt dabei, ein ganzer Ort wird Jahr für Jahr ausgerottet und es ist sicher eine Kleinstadt aus Angehörigen, die in der Folge ins Leid gestürzt werden.

Autos sind auch Waffen. Wie soll verhindert werden, dass ein Schüler mit dem gestohlenen Auto des Vaters, während der großen Pause, mit Vollgas in den Schulhof rast?
Will der Staat dann irgendwann auch hier durch unangemeldete Kontrollen prüfen, ob der Autoschlüssel, für Jugendliche unzugänglich, im Safe aufbewahrt wird?
Vielleicht erscheint der Vergleich weit hergeholt. Aber die Fakten bleiben: Autos können wie vieles andere auch als Waffen eingesetzt werden. Warum ist das so viel leichter zu tolerieren, als der Besitz von Schusswaffen? Weil die Dinger (Autos) so praktisch sind? Der Sinn einer Waffe so eindeutig?

Es kann keine absolute Sicherheit geben. Und an einigen wenigen Schrauben drehen, um die Sicherheit zu verbessern, mutet zynisch an, wenn kein oder kaum Aufwand bei den großen Themen betrieben wird. Durch dieses Versäumnis sterben jedes Jahr Tausende!

Warum schreien wir eigentlich immer gleich nach neuen schärferen Regeln und Gesetzen? Warum stecken wir nicht Zeit und Geld in die Bewusstseinsbildung:
– dass Waffen, vor allem in diesem Umfang herzustellen, einer der verwerflichsten Aktivitäten ist, da damit Artgenossen aus zweifelhaften Motiven getötet werden
– dass mit jeder Autofahrt man sein und das Leben anderer gefährdet
– dass bei der Integration von Außenseitern (oder auch nur, einzelne Menschen als solche zu erkennen) jeder gefordert ist
– dass den Jugendlichen eingebläut wird, wie scheußlich sich der Tod im Allgemeinen ausnimmt und dass sie sich klar werden sollen, dass Killerspiele oder Rasereien mit dem Auto die Hemmschwelle zu Gewalttaten herabsetzen, auch wenn man das an sich selbst erst im Ernstfall spürt.
– dass das Abstumpfen durch Morde im Fernsehen oder in Killerspielen Distanz zum Vorgang des Erschießens, Distanz zum Sterben eines anderen Menschen schafft und den Schrecken, der damit verbunden ist, nimmt

Man verstehe mich nicht falsch. Ich drücke auch aufs Gas, wenn ich es eilig habe. Oder auf dem Motorrad aus Jux und Tollerei. Aber richtig ist das nicht.
Ich finde es als ersten Schritt wichtig, in die richtige Richtung zu denken und zu handeln und nicht immer nur zu verbieten und einzuschränken. Das ist ein nicht endender Prozess, der nie sein ideales Ziel erreicht. Den mühsamen Weg über einen Bewusstseinsprozess zu gehen, finde ich richtiger als den Bürger immer weiter einzuschränken und durch Vorschriften und deren staatliche Durchsetzung die Verantwortung für sich und seine Mitbürger vom Individuum wegzunehmen.

Steueroasen

Muss noch überarbeitet werden:

Die Diskreditierung der Steueroasen und das Anschwärzen der Hinterzieher ist in vieler Hinsicht so einfach nicht:
1. Wer legt eigentlich fest, wieviel Geld ein Staat, eine Regierung verbrauchen darf? Man vergleiche einmal die verschiedenen Staaten bzgl. Ausgaben von Steuern bezogen auf die Größe der Bevölkerung.
2. Man mache sich klar, dass bei den westlichen Industrienationen der überwiegende Teil des „schwarzen Geldes“ bereits versteuert wurde, bevor es in eine Steueroase transferiert wird. Dem Staat entgeht also nur das Geld, das durch eine erfolgreiche Geldanlage entstünde, bzw. dadurch, das mit dem Geld vorübergehend kein Umsatz (Umsatzsteuer) gemacht wird. Zu den entgangenen Einnahmen aus Kapitalerträgen ist zu sagen, dass der Staat hier kein Risiko trägt. Würde der Eigentümer sein Geld in den Sparstrumpf stecken, wäre dies nicht verboten…
3. Es bleibt festzustellen, dass Regierungen (von Staaten kann man ja eigentlich nicht sprechen, denn das wären ja wir) immer mehr Steuergelder benötigen. Und diese Geldgier ist der einzige Grund derart massiv gegen die Steueroasen vorzugehen. Es ist eben einfacher jemanden etwas wegzunehmen, als zu sparen.
4. Man kann sich auf lange Sicht einmal fragen, was aus dem Geld in den Steueroasen wird? Es wird irgendwann (vielleicht auch erst in 100 Jahren) ausgegeben werden.
Zur Zeit (ungefähr 2005-2009) spricht man oft davon, dass es für die Wirtschaft und für die Allgemeinheit besser wäre, das Geld nicht zu horten sondern „umzusetzen“. Wer legt eigentlich fest, wann, wieviel „umgesetzt“ werden soll? Ist es sinnvoll immer nur an sich, an die eigene Generation zu denken?
5. Irgendwann wird das Geld der Steueroasen „umgesetzt“, z.B. in Immobilien oder in Firmen investiert. Bis dahin hat es sich stärker vermehrt, als dies unter einer höheren Besteuerung möglich gewesen wäre. Von dieser Tatsache würde dann auch die Allgemeinheit profitieren, wenn die Argumentation des besser, umgesetzten Geldes richtig ist.
5a. Warum spricht man den Anlegern ab, diese „Vorsorge“ vernünftig treffen zu können, gerade im Sinne der nachfolgenden Generationen? Staaten können bekannter Maßen nicht sparen…
6. Unterschiedliche Staaten erheben unterschiedliche Steuern für Ihre Bürger. Wer gleicht diese „Ungerechtigkeit“ aus? Die Grenze zu Steueroasen ist also fließend. Dies zeigt einmal mehr, wie unpräzise der Begriff ist. Und deshalb Menschen und Staaten an den Pranger zu stellen, ist mehr als fragwürdig.
7. Einfach: Man schaffe alle Militärs aller Staaten ab. Die damit gewonnenen Mittel dürften für Jahrzehnte die Unersättlichkeit der Regierungen befriedigen. Aber es war ja schon immer leichter gegen die „Kleinen“ loszuziehen, als die wirklichen Probleme anzupacken. Selbstverständlich ist das eine naive und utopische Forderung! Die Vorstellung einer Steueroase aber auch 😉

Man verstehe mich nicht falsch. Ich bin nicht für ein ungezügeltes Abwandern des Geldes in Steueroasen. Das Ganze ist eine Grauzone und nicht allgemeingültig zu regeln. Eine wirklich generelle Abschaffung der Steueroasen brächte jedoch nur für ein paar Jahre Mehreinkünfte für die Staaten. Dann würden sich andere, vielleicht schlimmere Mechanismen etablieren, um Steuern zu sparen.
Die Diskussion und mit ihr die Menschen werden von Medien und Politik instrumentalisiert. Und dies für Zwecke, die mit den behaupteten wenig zu tun haben (Profilierung, Geld). Und sie lenken von den großen Fragen ab.

Wie sollte Darwins Evolutionstheorie verstanden werden?

SWR2 Aula brachte am 1.1.2009 einen Beitrag mit dem Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, der ein etwas anderes Bild der Leistungen Darwins vermittelt. Dieses möchte ich versuchen, grob zu skizzieren.
Ohne seine Weltreisen hätte Darwin sicher nicht die Ideen entwickelt, die wir heute Evolutionstheorie nennen. (Er selbst benutzte das Wort nicht.) Darwin leitete jedoch seine Gedanken weniger aus den Betrachtungen der Natur ab, sondern übertrug vielmehr seine Beobachtung der englischen Gesellschaft auf das Tierreich. Anschließend erfolgte dann durch ihn und andere die Rückübertragung auf den Menschen. So die Ansicht Fischers.

1. Teilgedanke „struggle for existance“
Fischer glaubt nun, dass der erste Teilgedanke der darwinschen Evolutionstheorie eigentlich auf Thomas Robert Malthus, 1766-1834, zurückgeht. Der stellte nämlich fest, dass die Zahl der Menschen schneller zunimmt als die Menge der Lebensmittel für deren Ernährung. Es muss also zu einem Verteilungskampf kommen, den wir heute gerne martialisch als den „Kampf um das Dasein“ bezeichnen. Darwin war hier jedoch etwas vorsichtiger und sprach von „struggle for existance“, also etwa das Bemühen am Leben zu bleiben. Das übertrug er dann auf die Tierwelt und begründete so, wie es zur Anpassung durch Veränderung einer Gattung kommt. Anpassung erklärt jedoch alleine nicht, woher die Vielfalt in der Natur rührt.

2. Teilgedanke „Vielfalt verbessert die Überlebenschancen“
Fischer glaubt weiter, dass Darwin, beeinflusst durch den Besuch der Weltausstellung in England, auf den Gedanken eines weiteren Natur-Prinzips kam, nämlich die Diversifizierung. Auf der Weltausstellung erkannte er, dass diejenigen Firmen überlebensfähig sind, die eine Vielfalt von Schuhen, Tassen, Kleidern etc. anbieten können. Damit lässt sich erklären, wieso die Natur nicht nur eine Gattung produziert hat, die sich dann ständig im „Struggle for existance“ anpasste.

Diese beiden Teilgedanken machen die Evolution aus. Sie wurden also beide aus Betrachtungen der Gesellschaft abgeleitet. Und es ist naheliegend, daraus dann den Gedanken des Sozialdarwinismus zu entwickeln. Zumal zur gleichen Zeit Marx und Engels in England ihre Ideen entwickelten, also genügend soziales Auseinandersetzungspotential vorhanden war, das die Gedanken in diese Richtung lenkte.

3. Teilgedanke
Darwin liefert jedoch keine Antwort auf die Frage nach dem Ziel der Evolution. Darwin versucht sogar, laut Fischer, uns zu bitten, der Natur kein Ziel zu unterstellen, wenn wir sie beschreiben. Das fällt uns, die wir in einer zielgerichtet Denkkultur (Christentum, Plato) leben, besonders schwer. Der Buddhismus hat es hier leichter. Die im Buddhismus propagierte Vorstellung eines Rad des Lebens, bei dem wir an einer bestimmten Stelle ein- und später wieder aussteigen, hat kein Ziel und auch keinen Anfang und kein Ende.
Fischer entwickelt nun weiter, dass eine wesentliche Eigenschaft der Evolution die Tatsache immer währender Fortpflanzung ist. Also immer wieder neue Wege zu finden, das Leben zu erhalten. Uns Menschen als Endpunkt der Evolution zu sehen, ist daher fragwürdig.
Was man außerdem erkennen kann, ist, dass es so etwas wie ein „geplantes“ Vorgehen der Natur gibt. Stichwort „Genom“. Das ist jedoch von einem „zielgerichteten“ Vorgehen zu unterscheiden.
Um die Evolution besser zu verstehen, kann man sie als einen Prozess betrachten, der kleinere Prozesse hervorbringt, die dann jeweils versuchen zu überleben. Ein solcher Prozess kann auch ein zielstrebiger sein. Fischer sieht die Kreativität und Kultur des Menschen als einen solchen zielgerichteten Klein-Prozess der Evolution an.
Auch der Begriff des Zufalls findet Fischer unzureichend. Er bevorzugt hier den Begriff der „Kontingenz“. Nämlich, dass mindestens zwei Dinge, ein Inneres und ein Äußeres, sich berühren also zusammen kommen (lat. contingere) müssen, damit etwas Neues entsteht.
(Anmerkung von mir: Kontingenz bezeichnet in der Logik den Status von Tatsachen, die nicht notwendigerweise wahr oder falsch sein müssen; also etwas, das nicht notwendig aber auch nicht unmöglich ist. Dies trifft in der Tat auf die Evolution besser zu als der Begriff der Zufälligkeit. Denn es ist ja nicht notwendig, dass eine Lebensform sich in eine bestimmte Richtung entwickelt. Umgekehrt kann sie sich auch nicht in jede beliebige andere Richtung entwickeln. Vollkommen zufällig ist sie damit nicht, denn sie schöpft aus dem „Kontingent“ ihrer Möglichkeiten bei gegeben äußeren Bedingungen.)

Am 23.11.2008 gab es eine weitere Sendung der Aula in SWR2 mit Prof. Joachim Bauer, Arzt für psychosomatische Medizin aus Freiburg, der die zum Teil überinterpretierten Ansichten Darwins in Frage stellt. Er widerspricht dabei vor allem auch Richard Dawkins. Dawkins erlangte Bekanntheit durch seine Theorie des egoistischen Gens, die er im gleichnamigen Buch beschreibt. Darin sieht er das Gen als die fundamentale Einheit der Selektion, das den Körper nur als „Überlebensmaschine“ benutzt.
Bauer zeigt auf, dass die Übertragung der Evolutionstheorie auf die Genforschung falsch ist. Er begründet dies damit, dass das Genom alleine gar nichts bewirkt, sondern immer nur im Konzert mit anderen Genen seine Wirkung entfalten kann. Außerdem existieren zwei weitere Mechanismen, die für die genetische Mutation wichtig sind. Es gibt einen Grundmenge von Genen, die in sehr vielen Lebewesen gleich und weitgehend unveränderlich sind (ca. 98%). Diese sind also keineswegs zufälligen oder von außen initiierten Veränderungen (Anpassung) betroffen.
Jedes Erbgut besitzt genetische Werkzeuge, die in der Lage sind, das Erbgut umzubauen. Diese Werkzeuge werden jedoch von der Zelle kontrolliert und reagieren damit nicht zufällig und unkontrolliert. Sonst könnte eine Lebensform nicht über Millionen von Jahren im Wesentlichen unverändert bleiben. Diese Werkzeuge besitzen außerdem die Fähigkeit zur Verdopplung von Genen und liefern damit die bei Darwin fehlende Erklärung für die Vielfalt der Lebewesen und Zunahme deren Komplexität auf der Erde. Zufälligen Mutationen sind vor allem jene Gene ausgesetzt, die vorher von der Zelle selbst, mit Hilfe genannter Werkzeuge, verdoppelt wurden.

Die Veränderung und Evolution des Lebens erfolgt also vorrangig kontrolliert und kooperativ und nicht etwa durch zufällige Mutation und „brutale“ Selektion.
Soweit Professor Bauer.