Ein selbstbestimmtes Leben führen

Zusammenfassung „WDR5: Das philosophische Radio mit Peter Bieri über Selbstbestimmung “

Ein selbstbestimmtes Leben ist fast so etwas wie ein utopisches Ideal. Dabei ist es nicht so, dass es nie erreicht wird, sondern es ist durchaus möglich, es phasenweise zu erreichen und auch im Rückblick es dann so zu sehen. Aber es ist ein fragiler Zustand, der uns jederzeit innerlich oder äußerlich wieder genommen werden kann.

Das Ideal hat zwei Lesarten:
Zum einen ist ein selbstbestimmtes Leben ein Leben ohne äußere Tyrannei, also keine politische Diktatur, kein Gefängnis, keine Versklavung durch den Lebenspartner, durch den Vermieter, keine Erpressung durch den Arbeitgeber oder sonst wen. Ohne Beschränkungen durch Armut oder Krankheit usw.
Die kompliziertere Lesart ist die Frage, wie ich selbst über mein Leben bestimmen kann, wie ich selbst Autor meines Lebens werde.
Der Auftakt zu einem selbstbestimmten Leben und damit erster Schritt ist die Selbsterkenntnis. Man muss wissen, was für ein Leben man führt, also wo ich bereits wie ein Autor mein Leben gestalte und wo das Leben mir nur „zustößt“.

Zur Selbsterkenntnis gehört die Erkenntnis, dass ich geprägt bin durch Eltern, Klassenkameraden, Umgebung, Fernsehen usw. . Dies ist ein Sockel an „Bestimmung“ der unseren Rahmen (Kontext) bildet und zwar nicht nur als Beschränkung, sondern auch als Chance und Orientierung. Denn was sollte ich denken, fühlen, wollen ohne einen solchen Sockel? Woher könnte ich sonst meine Maßstäbe beziehen.

Zur Selbsterkenntnis gehört der Abstand zu sich selbst. Dabei muss ich mir unter anderem folgende Fragen stellen:

Was denke ich eigentlich genau? Also bspw. was denke ich über meine Nachbarn, über den Afghanistankrieg, über die wirtschaftliche Lage, über meine Freunde? Aber auch, was denke ich über meinen Erfolg oder mein Scheitern von vorgestern?
Ja, man verliert dabei die Wohligkeit des Selbstverständnisses. Aber man stellt auch fest, dass man das alles, bei genauer Betrachtung, nicht so genau weiß.

Was will ich eigentlich? Gemeint sind nicht solche Fragen wie, will ich jetzt das oder jenes Essen oder zum Supermarkt einkaufen gehen? Sondern Fragen wie: Will ich ein Leben in der Gesellschaft führen oder lieber eines für mich allein? Will ich jemand sein, dem Erfolg wichtig ist? Oder, welchen Beruf will ich ergreifen und wie will ich eigentlich mein Leben verbringen?

Was fühle ich eigentlich? Dabei geht es um Gefühle wie Neid im Gegensatz zu Missgunst oder Trauer oder Zuneigung. Dabei ist es oft so, dass wir unsere Gefühle missverstehen. Wir können eine Trauer für eine Angst halten, wir können eine Aggression für eine Trauer halten. Es ist sozusagen die Frage nach der seelischen Identität.

Zweck der Übung ist es festzustellen, wer bin ich eigentlich und erst dann, wer möchte ich sein.
Der Weg von der Selbsterkenntnis zum Umbau der Persönlichkeit kann nicht einfach beschlossen werden. Sondern es ist ein langwieriger Prozess mit vielen Neben- und Irrwegen. Dies wird aber zu einem blinden Kampf, wenn ich nicht gut verstehe, was ich denke, wünsche und fühle. Woher kommen die Emotionen, die ich bekämpfe und woher kommt der Wunsch, dies zu tun?
Dieses Prinzip kann man sich gut verdeutlichen, wenn es darum geht, z.B. einen Hass zu bekämpfen. Dabei wird klar, dass alle oben genannten Fragen gestellt und beantwortet werden sollten, so weit es geht.
Freuds Grundidee ist dann: Durch zum Teil langwierige Transparent-Machung kann man die Quellen eines Affekts ergründen und ihn dann auch verändern, zumindest teilweise oder ihn in die eigene Persönlichkeit integrieren.

Der innere Gegner in solchen Prozessen ist ein Wunsch oder ein Gedanke, der nicht verträglich ist mit dem gewünschten Selbstbild. Der innere Gegner ist nie objektiv, sondern existiert immer nur im Bezug auf das Selbstbild. Darin liegt aber auch gerade die Chance. Denn durch Veränderung des Selbstbildes kann man den inneren Gegner ins Selbstbild integrieren oder ihn unwichtig werden lassen.

Beim Prozess der Selbsterkenntnis spielt die Sprache eine wichtige Rolle. Um Transparenz oder Klarheit bzgl. der oben genannten Fragen herbeizuführen, muss man reden. Reden mit sich selbst, mit jemandem anderen oder in Schriftform.
Ein differenzierter, reicher Wortschatz hilft dabei ungemein.
Es gibt aber auch die Gegenseite. Gerade das Reden mit anderen – das oft auch nicht ganz aufrichtig ist, weil man sich anders darstellen will, als man ist – kann auch zur Selbsttäuschung und Fremdtäuschung führen (falsches, unvollständiges Feedback).

Fast alles, was wir denken, wünschen und fühlen geht darauf zurück, dass wir „unter dem Blick anderer Menschen“ leben. Dieser Blick kann beides sein, größter Schmerz, Angst oder Erfolg und Freude u.v.a.m. Entziehen kann ich mich diesem Blick nicht, denn ich nehme die Erinnerung daran überall mit. So dass die Frage lauten muss, wie erreiche ich Selbstbestimmung unter dem Blick der Anderen?
Das ist vielleicht die tiefste Frage des menschlichen Zusammenlebens oder auch der Politik. Es gibt darauf keine einheitliche, formalistische Antwort.
Wir müssen uns klar werden, welchen Blick, welche Person wir wichtig nehmen wollen? Die anderen Blicke können wir ignorieren. Das macht gerade die Selbstbestimmung aus.
Ein anderer Blick straft mich, kränkt mich, verletzt mich nur, wenn ich dem anderen eine Autorität in meinem Inneren zuspreche. (Ich will seine Anerkennung, ich will seine Richterposition, o.ä.). Wenn es gelingt, diese Autoritätszuschreibung, die oft unbewusst ist, irgendwie zurückzunehmen, spielt es keine Rolle mehr, was der oder die über mich denkt.
Welche Leute sind mir eigentlich wichtig? Man stellt fest, es sind wesentlich weniger als die Angst fingiert.

Exkurs über unterschiedliche Ebenen von Begrifflichkeiten, deren Vermischung nur verwirrt:
Wenn wir von Entscheiden, Fühlen, Wünschen und auch von Freiheit reden, dann ist das etwas, das auf der Ebene der Psychologie besprochen werden kann. Nicht aber auf der Ebene des Gehirns oder der Neurobiologie. Dort finden nur Neuronen- oder Elektrogewitter und Stoffwechsel statt.
Z.B. ist der Begriff der Freiheit gemacht für Beschreibungen auf dem Gebiet der Psychologie oder Soziologie. Außerhalb ergibt der Begriff keinen Sinn (z.B. auf neuronaler Ebene). Insofern ist es eine Vermischung verschiedener Ebenen, wenn man sagt, der Mensch sei prinzipiell nicht frei oder selbstbestimmt, weil er ja immer kausalen Zusammenhängen im Gehirn unterworfen sei. Kategorien wie frei oder unfrei existieren neurologisch gesehen nicht. Es sind keine Fragestellungen, mit welchen sich die Neurobiologie auseinandersetzt. Sie kann sie in ihrer Sprache nicht einmal beschreiben.
Formulierungen wie „wir tun nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun“ oder „die Freiheit ist eine Illusion“ sind plakativ und provozierend zu verstehen. Eigentlich sind sie falsch, da sie Begrifflichkeiten zueinander führen, die nicht zusammengehören. Sie empören, weil sie das Glück und die Würde gefährden würden, wenn sie richtig wären.

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