Wahrheit und Wirklichkeit

In meiner Vorstellungswelt vermute ich Sprache als eher pragmatisch entstanden. Substantive (=Wort, =Begriff), Verben und Adjektive sind Folge von „Vereinbarungen“. Eine „Menge“ von Sinneseindrücken wird bei einem anderen Menschen als ähnlich vorhanden angenommen und man einigt sich gemeinsam auf einen „Begriff“ dafür.
Sie hatten es auch in Ihrem letzten Podcast angesprochen, dass solche „Mengen“ selbstverständlich nicht als identisch zwischen mehreren Menschen angenommen werden dürfen. Trotzdem macht es Sinn, ist es zweckmäßig, sich auf einen Begriff zu einigen, der „ausgesprochen“ und „angehört“ natürlich ebenfalls wieder ein Sinneseindruck ist.
Ich möchte diesen Zusammenhang zwischen Begriff und Vereinbarung als „atomar“ bezeichnen. Warum? Nun das folgt später.

Das Interessante ist nun, dass diese „atomaren“ Vereinbarungen recht schnell „transzendent“ benutzt werden können, um einerseits Dinge zu beschreiben, die nicht dinglich existieren oder deren Wirkungszusammenhänge angedeutet oder nur vermutet werden. Beides erzeugt ebenfalls eine „Menge“ an Sinneseindrücken, auch wenn dies ggf. nur Gedanken sind.
Problematisch ist, dass über die „Vereinbarungen“, die irgendwann einmal getroffen wurden, nicht Buch geführt wird. So geht das Wissen über diese ganz oder teilweise verloren. Hinzu kommt, dass solche „Vereinbarungen“ oft aus pragmatischen Gründen schnell vermittelt, beigebracht oder gelernt werden müssen und daher unpräzise und unvollständig bleiben.
Ein schönes Beispiel sind die Worte „effizient“ und „effektiv“, die wohl jeder in seinem Leben schon mal „falsch“ gebraucht hat.

Ich glaube die angedeuteten Gründe sind die Ursache für die Schwierigkeit im Verständnis und Gebrauch der Worte „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“.
Der Begriff „Wahrheit“ erscheint mir „atomarer“ zu sein als der Begriff „Wirklichkeit“, denn er ist näher an einer einfachen Vereinbarung als der andere. Wenn wir uns bspw. auf die Algebra als Regelwerk einigen, dann ist 1+1=2 eine wahre Aussage. Man kann sogar sagen, es ist eine „absolute“ Wahrheit, solange wir uns im Rahmen unserer Vereinbarungen bewegen.
Ich möchte jedoch hinzufügen, dass die Anwendung eines Adjektivs „subjektiv“ oder „objektiv/absolut“ auf den Begriff Wahrheit vielleicht sogar falsch ist. Ganz ähnlich wie die Anwendung der Adjektive „grün“ oder „heiß“ auf diesen Begriff. Das ist ein Ankleben von Eigenschaften, die der vermuteten ursprünglichen Bedeutung (=Vereinbarung) des Begriffs nicht entspricht, so nie gewollt/vereinbart war.
Aussagen über wahr und falsch lassen sich immer nur im Rahmen des Vereinbarten treffen. Wenn eine Sache, Aussage usw. den Rahmen der überprüfbaren Vereinbarungen verlässt, dann ist der Begriff „Wahrheit“ schlicht und ergreifend falsch angewendet. Kennt man die Vereinbarungen nicht, bzw. hat man keine solchen getroffen, dann lässt sich der Wahrheitsgehalt einer Aussage kaum bestimmen.

Eine „Wirklichkeit“ sehe ich als eine ganze Menge von Aussagen oder Informationen, die man für die eigene Person als „wahr“ betrachtet. Um zu prüfen, ob Sie und ich die gleiche Wirklichkeit erfahren/erleben, müssten wir streng genommen einzeln prüfen, ob Einzelaussagen oder Informationen für Sie und mich wahr sind, wobei „wahr“ wiederum eine Vereinbarung in unserem jeweiligen Kontext (=Umwelt, Menschen) ist.
Eine Wirklichkeit wird immer „subjektiv“ sein, weil sich niemand die Mühe macht, sie auf atomare Vereinbarungen zurückzuführen. Eventuell ist dies auch nicht möglich. Hinzu kommt, dass Wahrheitsvereinbarung und Zusammensetzung der implizierten Aussagen und Informationen nicht nur durch Sie und mich festgelegt werden, sondern durch die Menschen in Ihrer und in meiner „Welt“ (=Kontext). Deshalb ist Wirklichkeit immer vom Kontext abhängig und damit subjektiv. Wir können nur vermuten, dass der Wahrheitsgehalt der Bestandteile sich bei mir und bei Ihnen weitgehend decken und dass wir deshalb eine gemeinsame Wirklichkeit haben.

Ich frage mich allerdings, welchen Zweck der Begriff „Wirklichkeit“ verfolgt. Selten genug wird er gebraucht und in diesen Fällen ist ein Bemühen um „Objektivität“ auch meist nicht nötig. Ihre Aussage (die ich sehr gut formuliert fand), dass das stattgefunden Haben des Holocaust Teil Ihrer Wirklichkeit ist, muss nicht objektiviert werden. Über die meisten Bestandteil dieser Wirklichkeit haben Sie sich mit anderen geeinigt. Es ist daher auch legitim und eine weitere Vereinbarung, dessen Leugnung gesellschaftlich zu sanktionieren.

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